home
bluNoise records
Sui Generis Verlag
© Dezember 2000
 


Reviews zu home

"Home" heißt sie also, die Neue, und wer SWB kennt, weiß sofort, welcher Euphemismus sich dahinter verbirgt. Das vermeintlich aus dem bluNoise-Rahmen fallende Schweizer Trio aus den beiden Instrumentalisten Mathias Hofstetter (Gitarre) und Daniel Manhart (Bass, Samples, Programming) und der wundervollen Katja Mair am Gesang hat in den vier Jahren seit ihrem Debüt leider wenig Lebenszeichen von sich gegeben. Aber SWB könnten wohl nicht das machen, was eben nur sie machen, wenn sie sich dafür nicht viel Zeit nähmen.

Schon auf den zweiten Blick ist zu bemerken, dass man nicht da weitermachen will, wo man aufgehört hat. Die Soundelemente Drum-Computer, Bass, Samples und Gesang sowie das an eine minimalistische Version von 80er-Jahre Dark Ambient und Industrial erinnernde Gesamtbild stehen zwar immer noch im Mittelpunkt. Aber Dance- und Trip-Hop-, manchmal fast Drum'n'Bass-Rhythmen werden jetzt größer geschrieben, obgleich immer noch bitter zweckentfremdet, wenn sie in einem Kontext aus flüsternden Stimmen und aus der Ferne vernehmbaren Schreien kalt und grau wirken und wirken sollen.

Und endlich auch Melodien! Katja singt mehr und deutlicher! Und das kann sie mindestens genau so gut wie auf der ersten Platte herzzerreißend schreien! So übernimmt ihre Stimme jetzt die Rolle des einzig Versöhnlichen, Warmen. Die Gitarre dagegen ist wie das Ventil des auf "Home" immer präsenten Unheilvollen; sie kreischt, heult, wimmert oder hüllt dich in beunruhigende Dissonanzen. Nach wie vor hält ihre Musik, was der Bandname verspricht. Bilder von Tod und Stille durchziehen "Home" als ein blutroter Faden (die Songtitel "leave", "end" oder "quiet" illustrieren das). Nicht auf die kitschige Tour, sondern tiefgehend, wie in Camus Sisyphos. Ein Foto im Artwork versinnbildlicht die beklemmende Stimmungs- und Gefühlswelt des Albums: eine Kellertreppe, von der nur die ersten Stufen zu erkennen sind, während das Ende der Treppe in Finsternis getaucht ist. Vieles dreht sich darum: Ungewissheit am anderen Ende. Hoffentlich kommt mir das Bild nicht wieder hoch, wenn ich mal wieder im Dunkeln nach Hause komme.

Der Eindruck, den man bei ihrem ersten Werk schon hatte, dass SWB ein stückweit mit "akademisch" ernster Gesinnung an ihre Sache rangehen, findet in Gestalt eines wunderschönen Stücks eine erneute Bestätigung: In "goodbye" hört man Arvo Pärts "Cantus", dazu nur ein unablässiges Herzklopfen und Katjas Gesang. Das Stück wird dabei nicht entstellt, vielmehr dessen Essenz mit den eigenen Worten auf den Punkt gebracht. Ihr Neuling ist möglicherweise zugänglicher als das Debüt, aber die Wahrheit ist: Slowly We Bleed haben auf eine neue, andere Art zu sich selbst gefunden. Und kommen wieder dort an, wo alle ernsthaften Musiker hinwollen: Sie betreten Neuland und machen es stante pede zu ihrem Königreich, erfinden eine eigene Sprache und beherrschen diese sogleich in Vollendung. Ohne dabei experimentell zu klingen. Ihre Mittel sind nicht neu, aber SWB überzeugen dadurch, dass sie deren Synthese mit beispielloser Selbstverständlichkeit ausleben. Und erschaffen dann eben doch wieder etwas Neues.

NOIZE 1/ 2001 Holger Mau

 

Eine fette Mischung aus kraftvollen Stromgitarren, tanzbarem Programming und einer ausdrucksstarken, weiblichen Stimme (Katja Mair) bietet diese CD. Slowly we bleed machen keine Kompositionen zum Nebenbeihören. Man muss die teils monströsen, teils sich aus der Tiefe des Raums entwickelnden Klangkonstrukte auf sich wirken lassen. Dann wachsen Titel wie "Hold me" und "End" zu vollendeter Schönheit. Denn die Stärke des Trios, zu dem neben Frontfrau Katja auch noch Gitarrist Mathias Hofstetter und Programmer/ Basser Daniel Manhart gehören, liegt, wie der Name schon andeutet, in der Schwere der Langsamkeit. Aber nicht nur.

INHARD 12/ 2000 Rainer Guerich

 

Kerle, rettet euch vor der Hexe des Winters 2000! Sie wird euch ganz langsam die Kehle zudrücken und anschließend hysterisch kichern! "Blair Witch Project" erblaßt daneben. Durch tiefste Dub Wälder drücken sich schwere Stürme, die oft in eine gewisse Monotonie verfallen. Und während du noch hoffst, du kannst ihr entkommen, schieben sich elektronische Gewitter noch tiefer in die Darkness und deren Samples beginnen, sich unmerklich zur Hexengestalt zu formen, um dann zuzudrücken. Schweizer Wälder sind einmalig qualvoll!

WAHRSCHAUER 12/ 2000 witch

 

Und zum zweiten Mal lädt uns der gemischte Dreier aus der Schweiz zum Höllentrip in seine "carceri" von geradezu danteschem Gruselfaktor. Die Holpertreppe im Inneren des Covers mag es schon andeuten und Verweise auf Scorn und Young Gods sind hier überflüssig: Hier ist das Grauen "zu hause", und es hat viele Gesichter, sie tauchen auf und schrecken dich, es ergreift vollkommen Besitz von dir. Das Schaben und Knarzen, dazu Katja Mair's spitze Schreie, ihr Sirenengesang, diese völlige Verlassenheit, all das darf bitte nicht von dieser Welt sein. Abwärts geht's hier in die klammen Abgründe menschlicher Sonder-Existenzen, narbig und gezeichnet wie Mair's Teint ist auch ihr Organ, das schockierend sensibel und nuanciert den orkus von Gitarrist Hofstetter und Daniel Manhart (Samples, Bass, Programmierung) konterkariert und kommentiert. Den Film zu diesem Soundtrack wage ich nicht zu imaginieren und doch drängen sich die Schimären auf. Der nassforsche Somnambule, der gern unruhig schläft, der greife hier nur zu. Remixe sind für März angedroht.

WESTZEIT 1/ 2001 Linne