home remixes
bluNoise records
RECREC Medien AG
© November 2002
 


Reviews zu home remixes

Lichtblicke in der Düsternis

Die Musik von Slowly We Bleed in Remix-Versionen

Vor zwei Jahren machte die Gruppe Slowly We Bleed mit dem Album «Home» von sich reden. Unterdessen haben nationale und internationale Musikgrössen wie Nils Petter Molvær, Scorn, Swandive und Transglobal Underground aussergewöhnliche Remixes zur Musik der Band geschaffen, die kürzlich auf CD veröffentlicht wurden.

Musikalisches Format zeigt sich meistens darin, dass die Musik eine eigene Sprache spricht und nicht sofort Vergleiche zu Vorbildern hervorruft. Oft haben die Urheber solcher Klänge einen breiteren stilistischen Hintergrund, als ihre profilierte Musik vermuten lassen würde. Dies gilt auch für die 1993 gegründete Gruppe Slowly We Bleed, deren aus Rapperswil und Umgebung stammende Mitglieder sich in Konservatorien und Jazzschulen ausbilden liessen. Katja Mair singt in mehreren Bands zwischen Jazz, Trip-Hop und Drum'n'Bass, wovon das A-cappella-Quintett Urban Voices die bekannteste ist. Auch der Gitarrist Mathias Hofstetter spielt in mehreren Gruppen, schafft in seinem Studio zudem Soundtracks für Werbespots, Videogames und Performances. Und Daniel Manhart, der für Bass, Samples und Programming zuständige Mastermind des Trios, singt daneben in einem Renaissance-A-cappella- Quartett. Die gemeinsame Musik bezeichnet Slowly We Bleed als Psycho-Dub - der Gruppenname ist allerdings noch treffender.

Beklemmend langsam und schmerzhaft tönen die meisten Stücke von Slowly We Bleeds letztem Album, «Home» (2000) - bleiern und monoton die elektronischen Rhythmen, düster bis durchdringend die Klänge, selbstvergessen bis selbstquälerisch die Stimme, apokalyptisch die Stimmung. Programmatisch erklärt Katja Mair im Titelstück mit nüchterner Sprechstimme, sie seien nicht verloren, aber Hoffnung habe keinen Sinn mehr . . . und ohne Schmerz würde sie nichts mehr fühlen. Zusammen ergibt dies eine schwierige, aber atmosphärisch dichte Musik, die man als einen Soundtrack bezeichnen könnte, der keines Filmes bedarf. Die Stücke lassen dem Zuhörer viel Raum für eigene Bilder, zumal sie auf das Wesentliche reduziert sind.

Spartanisch klingen auch die Remixes, die Musiker aus dem In- und Ausland zu den Stücken von «Home» für die neue CD «Home - Remixes» anfertigten. Die verschiedenen Produzenten zeigen die Stücke aus neuen Perspektiven, indem sie die düsteren Originale stilistisch vielseitig einfärbten, einzelne Facetten zum Grundthema machten und mit Schliff manchmal sogar zum Leuchten brachten. Das hat die meisten Stücke prägnanter und zugänglicher werden lassen, Swandives Version von «Late» klingt geradezu poppig. Kein Bearbeiter hat sich jedoch damit begnügt, dem Original lediglich einen neuen stilistischen Mantel umzuhängen, wie dies bei Remixes oft geschieht. Vielmehr haben die Remixer oft radikal neue Versionen geschaffen und eigenes Material hinzugefügt.

Am stärksten persönlich geprägt ist die Arbeit von Nils Petter Molvær, der den Titel «Hold Me» mit seinem unverkennbaren melancholischen Trompetenspiel und seinem ästhetisierten Blasgeräusch in ein wunderschönes neues Stück verwandelte. Auch aus anderen Produktionen ist das Original kaum mehr herauszuhören. Dies bestätigt auch Daniel Manhart. Er habe kein Problem damit; dies sei besser, als wenn sich ein Remixer um die eigene Aussage drücke: «Im glücklichen Fall zeigt ein Remix deine Musik durch die Brille eines anderen, der deine Musik mag und versteht. Konkret: Viel eher als die klingenden Sounds entscheidet die ästhetische Grundhaltung über das Gelingen eines Remixes.» Und Molvær habe mit seinem spartanischen Remix den Spirit von Slowly We Bleed getroffen.

Manhart betont, dass auf den originalen Platten von Slowly We Bleed «jeder Ton gewollt, jeder formale Spannungsbogen reflektiert» sei, da er «an das Opus in seiner absolut stimmigen Gestalt» glaube. Live hingegen sei ihr Konzept viel offener: «Nur die grossen Teile sind abgemacht, wir improvisieren viel.» Zu diesem musikalischen Konzept passt, dass das Trio an seinen für Anfang 2003 geplanten Konzerten auch die Remixes von Molvær, Scorn und Freq63 neu interpretieren wird. Zusammen mit dem Schlagzeuger Marc Halbheer will das Trio also quasi Live-Remixes der Remixes schaffen, um, laut Manhart, «die Remixes wieder zu unseren eigenen Stücken zu machen».

© Neue Zürcher Zeitung; 2002-12-19; Markus Ganz


Work in Progress

Remix-Alben sind oft nur dann spannend, wenn man das darauf vertretene Repertoire bereits in seiner ursprünglichen Form kennt und das Geschick der Nachbearbeiter als solches zu goutieren weiss. Die neue CD des Rapperswiler Trip-Hop-Trios Slowly We Bleed ist die grosse Ausnahme, kumulieren sich die Mischpultmanipulationen der geladenen Tüftler aus dem Inland (Swandive, Radio Osaka) und Ausland (Nils Petter Molvaer, Trans-Global Underground) doch zu einer stimmigen Klangkulisse voll gotischer Melancholie. Hier sind eben keine kratzigen Schnellschüsse vom Laptop zu hören, hier scheint sich jeder Gast genug Zeit genommen zu haben, um bis ins kleinste Detail an seinem Remix zu feilen. «Home - Remixes» ist allerdings nur ein vorläufiges Endprodukt, denn die Arbeit an den Songs aus Slowly We Bleeds Platte «Home» aus dem Jahr 2000 geht weiter: Die Band plant eine Tournee zum neuen Album, bei der sie den kreativen Input der Remixer sicher einfliessen lassen wird.Work in Progress also.

© Tages-Anzeiger; 2003-01-08; Seite 51; (nij)

 

Eine ebenso faszinierende wie für das Label untypische Scheibe bescheren uns Slowly we bleed mit ihrer meisterhaft remixten Scheibe „Home“. Das vor zwei Jahren ebenfalls auf bluNoise erschienene Werk findet hier Eingang in die internationale Elektronikszene, der die wunderschöne Stimme von Sängerin Katja Mair natürlich nicht vorenthalten werden darf. Das Trio hat also sehr gut daran getan, diesen Schritt zu wagen.

Das Resultat ist eine Mischung aus wenigen Gitarren und vielen erfrischend kalten Klängen, die nicht zuletzt Grössen wie Transglobal Underground oder dem norwegischen Trompeter Nils Petter Molvaer zu verdanken sind. Zwischen minimalem, aber durchaus experimentierfreudigem Elektro, weniger gelungenem Industrial von Jesus D, einem Rest triphoppig-zäher Gitarrenarbeit und einer Menge guter Trance-Atmosphären leuchtet immer wieder eine faszinierende Stimme auf, so wohldosiert und daher höchst effektiv, wie man es sich von manch anderen Elektronikproduktionen mit Gesang nur wünschen kann.

Gelungene Dekonstruktion, die bei jedem mal hören besser wird!

© NOIZE; 1 / 2003; Frank Ilschner

 

Soviel vorne weg: Typisch fürs Label ist das nicht, was die Troisdorfer von bluNoise zum Auftakt des neuen Jahres ins Rennen um die Publikumsgunst schicken. Dort nämlich, wo in erster Linie die Saiteninstrumente -und meist in ungezügelter Form - das Geschehen bestimmen, legt sich mit diesem Remix-Album des schweizerischen Trios Slowly We Bleed ein synthetischer Tiefbass-Brummer gleich mal quer zur Mainstream-Fahrtrichtung.

War schon das Ursprungswerk, "Home", ein rabenschwarzes und langsam über den Boden kriechendes Stück Musik, wurden diese Attribute nunmehr um die Elemente der elektronischen Programmierkünste bereichert. Was mit "Big Blue Mourning Sky" und seinen schwerfälligen, kargen Gitarren-Riffs noch halbwegs konventionell und tanzbar beginnt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als stampfende, tranceige Groove-Maschine.

Für mich waren die "Home-Remixes" obendrein eine willkommene Gelegenheit, die taufrisch (und nicht ohne Stolz) erworbene HiFi-Anlage einer ersten, ernsthaften Belastungsprobe zu unterziehen. Und höre da: Böse und finster grollen die Bässe unter meinen Füßen, während feine, scharfkantige Tonsplitter im Hochtonbereich an mir vorbeifliegen. Trip-Hop, Industrial allemal, aber auch Trance und Dance sind wohl die passenden Überschriften dieses nicht gerade unkomplizierten Klanggeflechts. Nicht von ungefähr haben sich Slowly We Bleed bei der Auswahl ihrer Nachvertoner auf die experimentierfreudige und avantgardistische Prominenz ihres Jazz-Umfeldes verlassen. So drehte neben dem norwegischen Edel-Trompeter Nils Petter Molvaer auch Radio Osaka-Mitbegründer Stephan Thelen, ein diplomierter Musiker und Mathematiker, an den Knöpfen und Tasten von Elektronika und Digitalika. Logisch also, dass bei dieser Versammlung akademischer Kompetenz nur wenig "rein zufällig" passiert. Vielleicht liegt deshalb das Faszinosum dieser Scheibe auch eher in der Flut der akustischen Reize als an ihrer emotionalen Teilhaberschaft.

Vieles auf diesem Album spielt sich audiophil hinter der Frontlinie ab. Es vergeht kaum ein Moment, in dem nicht irgend etwas - und sei es im fernen Hintergrund - passiert. Leider ist davon auch die herausragende Stimme der Slowly We Bleed-Front-Sopranistin Katja Mair betroffen. Nur selten tritt die diplomierte Lehramt-Inhaberin in Aktion und schafft es, dem berechneten Kalkül so etwas wie Herz und Seele entgegen zu setzen. Was diese nämlich stimmlich zu leisten im Stande ist, kommt am ehesten auf den Remixen von "End" oder "Late" zum Tragen und hätte für meinen Geschmack durchaus mehr Fläche verdient.

Fazit: Dieses Remix-Album ist audiophiler Genuss und Hörer-Herausforderung zugleich. Wer letzteres siegreich bewältigt, wird die Platte aber kaum mehr missen wollen.

© www.virtualrock.de; 1 / 2003; tz

 


Link zu weiterem Review auf der deutschen Music-Site Walls of fire

Walls of fire ; 2003-09-01; Kervorkian